Sex und Macht in der Bonner Republik. Ursula Kosser rechnet in „Hammelsprünge“ ab!

Oktober 19, 2012

Frauen habens ja gewöhnlich schwer heutzutage. Früher war es ja noch schlimmer und nicht besser! Zumindest wenn man Ursula Kosser glauben schenkt. Als ich nur Hammelsprünge sah, ist mir das Buch sofort aufgefallen.

In der Bonner Republik soll die Liaison von Sex und Macht die Regel gewesen sein. Es heißt, die Herren Politiker und Journalisten hätten dort das Sagen gehabt. Frauen waren nur Exoten und fast chancenlos. Die Journalistin Ursula Kosser (54), CvD bei RTL und n-​tv in München, arbeitete nach ihrem Studium und ihrer Journalistenausbildung selbst 20 Jahre als Korrespondentin für den SPIEGEL in Bonn. In ihrem Buch Hammelsprünge beschreibt sie, was in den Hinterzimmern passierte.  Ein Erfahrungsbericht

Der Titel des Buches deutet auf das parlamentarische Zählverfahren hin, das erst vor zwei Wochen das Elterngeld torpedierte. Vornehmlich ist aber hier das Machogehabe der Bonner Politiker und Journalisten gemeint, nachdem die ersten Journalistinnen und Politikerinnen dort Fuß gefasst hatten. Das Buch unterteilt sich in verschiedene Titel, in denen einzelne Anekdoten und Schwanks, aber auch kurze Beiträge und Interviews mit Zeitzeugen abgedruckt sind – unter anderem mit Norbert Blüm, Franz Müntefering, Rudolf Seiters und Rupert Scholz und zu guter Letzt mit der unverzichtbaren Claudia Roth.

Nur die einseitige Erzählung einer Feministin?

Laut Kosser hatten Frauen kaum Chancen in Politik und Medien dieser Epoche. Schuld daran waren wieder die Männer, die in geschlossenen Kreisen hinter vorgehaltener Hand ihre Informationen austauschten und sich nach Gutdünken ihre Posten untereinander zuschusterten. Frauen waren dort stets unerwünscht. Die Männer taten Kossers Erzählungen nach einiges, um den „jungen Hühnern das Gefieder zu rupfen“ – Diskriminierung, Ausschluss und frauenfeindliche Witze bis hin zu sexueller Belästigung sollen an der Tagesordnung gewesen sein. „Darf ich heute dein Innenminister sein“, war kein schlechter Scherz, sondern ein eindeutiges Angebot eines Außenministers. Von Einstellungsgesprächen wird berichtet, die damit endeten, dass die einzustellende Journalistin mit dem künftigen Chef in einem Autobahn-​Hotel endete. Aber gab es das nicht schon immer?

All das klingt zunächst nach der einseitigen Erzählung einer Feministin. Aber so ist es nicht. Ursula Kosser lässt in ihrem Buch auch andere zu Wort kommen, die das chauvinistische Bild der Politiker wieder relativieren, während aber auch hier die feministische Seite eher dominiert. So wird ebenfalls beschrieben, wie die Frauen als Reaktion auf die genannten Männerkreise ihren eigenen Frauenkreis bildeten und dort wohl nicht anders fungierten wie die Männer. Nur das Geschlecht war anders. Und wo es hinführte, nämlich zu einer zunehmenden Verkehrung der Verhältnisse, wissen wir heute auch …

Mehr als nur Subjektivität

Schön ist, dass neben den vielen zwischenmenschlichen Einzelgeschichten auch einige wegbereitende Debatten aus einem anderen Blickwinkel beschrieben werden – zum Beispiel die um den Gleichstellungsartikel oder den Abtreibungsparagraphen. Hammelsprünge ist lebendig geschrieben und lädt den Leser oft zum Schmunzeln ein. Für Freunde der Neueren Geschichte absolut lesenswert!

Andere, die vom Thema Frauenquote genug haben, sollten nur einzelne Geschichten aus dem Buch lesen. Neue Skandale werden nicht aufgedeckt. Aber das ist auch nicht der Sinn der Anekdoten. Fündig werden diejenigen, die noch Argumente für die Einführung der Frauenquote suchen. Die Autorin hat in kommenden Talkshows zu diesem Thema mit großer Wahrscheinlichkeit schon jetzt einen Platz in der Runde sicher.

Ursula Kosser: Hammelsprünge. Sex und Macht in der deutschen Politik. 250 Seiten, DuMont Verlag 2012. 18,90 Euro.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: