Rezension: Nils Heinrich schreibt über seine Kreisstadtjugend in der DDR

Juli 10, 2013

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Etliche Bücher wurden über die Geschichte des Unrechtsstaates geschrieben. Wie es sich dort gelebt hat, beschreibt der gebürtige Anhaltiner Nils Heinrich, gelernter Konditor und zudem Radiojournalist, Hochzeits-​DJ, Poetry-​Slammer und Kabarettist in seinem Buch über die DDR und deren Niedergang.

Kollektives Schauen von „Erotisches zur Nacht“

Wenn man das Buch so in Händen hält, denkt man zuerst an die Ostalgie-​Welle, mit der das Privatfernsehen uns am Anfang des letzten Jahrzehntes über eine unerträglich lange Zeit hinweg heimsuchte. Aber schon die ersten Seiten des Buches beschreiben gerade das Gegenteil und das richtig gut. Der Autor ist in der ehemaligen DDR groß geworden und erlebte im Alter von 19 Jahren deren Niedergang. Dabei beschreibt er in knalliger Art und Weise in 41 Anekdoten, wie er die DDR erlebte. Lebendig und lustig werden unzählige Urlaube im Harz, die Pionierzeiten oder das kollektive Schauen von „Erotisches zur Nacht“ – eine französische (!) Erotiksendung – beschrieben.

Bis hier könnte man nun den Eindruck gewinnen, dass es in der DDR doch nicht ganz so schlimm gewesen sein muss. Aber war es doch! Heinrich räumt ein, dass er das Glück hatte kein Opfer des Systems gewesen zu sein und demnach eine verhältnismäßig stinknormale Jugend hatte. Als „finstere Erinnerung“ beschreibt er beispielsweise den Holundersaft, der im stets zu Grippezeiten verabreicht wurde. Aus seiner Zeit als Jungpionier ist ihm noch die „gleichgeschaltete Industriemarmelade“ in schlimmster Erinnerung. Ebenso war das „Mammutbier“ auch nicht gerade das beste Bier, was er in seiner Jugend trank. Man könnte denken, das sei irgendwie banal. Doch so war der Alltag in der DDR. Es ist besser, diesen zu beschreiben, als wilde Storys zu erdichten, die man nicht erlebt hat.

Das beschreiben, was man vorfindet

Das Buch zeichnet sich besonders durch den lebendigen und pointentierten Schreibstil aus, der ein wenig an die Popliteratur erinnert, die in den neunziger Jahren die Literaturwelt eroberte. Vor allem deswegen, weil man dort oftmals Marken aus der damaligen DDR liest. Aber das tut auch dem Leser des Buches nicht weh.

Wer lieber etwas historisches Lesen will, dem sei Peter Benders Buch Unsere Erbschaft. Was war die DDR – was bleibt von ihr? ans Herz gelegt. Heinrichs Buch ist hingegen pure Unterhaltung, wie man es von einem Kabarettisten auch erwarten kann.

Insgesamt stellt Heinrichs Werk Wir hatten nix, nur Umlaute eine humorvolle Abwechslung zu den zahlreichen Büchern dar, die vor allem das triste Leben im kommunistischen Unrechtsstaat beschreiben. Der Autor verzichtet deshalb auch auf ein politisches Statement zur DDR. Er nahm das Leben in der DDR so wahr, wie es eben war. Auch das ist ein Standpunkt, den man Ernst nehmen muss.

Nils Heinrich: Wir hatten nix, nur Umlaute: Meine Kreisstadtjugend mit Systemwechsel256 Seiten, Rowohlt Verlag 2013. 8,99 Euro.

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